Pioniere haben es schwer – was dem Erfolg von Google Glass derzeit noch im Wege steht

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Nachdem Googles Datenbrille „Glass“ als Explorerversion für Entwickler in den USA verkauft wird, ist sie nun – als erstem Land in Europa – auch in Großbritannien erhältlich.

Mit Spannung waren im Rahmen der I/O-Konferenz in San Francisco Neuigkeiten zur Markteinführung in weiteren Ländern erwartet worden – überraschend war die Datenbrille dann aber gar kein Thema auf der Konferenz.

Worin die Gründe hierfür liegen, ist derzeit vollkommen unklar. Bezogen auf Deutschland warnten im April Datenschützer und Juristen vor einer Markteinführung von „Glass“ – und damit verbundenen katastrophalen Folgen für den Datenschutz, der in Deutschland bekanntlich besonders streng ausgelegt wird.

Im Mittelpunkt der Sorgen steht immer wieder die Videofunktion, mit der Videos in 720p-HD-Qualität aufgezeichnet werden können. Ist ein „Glass“-Nutzer beispielsweise mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs und filmt währenddessen seine Fahrt, so hält er zwangsläufig alle ihm begegnenden Personen auf seinem Video fest. Richtig kritisch wird es jedoch, wenn er dieses Video anschließend im Internet veröffentlicht. Dadurch könnte die Privatsphäre der gefilmten Personen tangiert werden.

Natürlich ist Videoüberwachung längst etwas Alltägliches, aber sie dient in erster Linie der Feststellung und Verfolgung von Straftaten. Auch werden Überwachungsvideos in fast keinem Fall 1:1 im Internet zu finden sein.

Und natürlich gibt es seit Jahren Video- und Handykameras – allerdings liegt hier der Unterschied darin, dass diese eher bewusst eingesetzt werden und damit sicherlich niemand eine einfache Fahrt mit dem Fahrrad filmen würde.

Was die Videofunktion angeht, können die immer preiswerter erhältlichen Helmkameras für Sport und Freizeit mit „Glass“ verglichen werden. Einige neuere Modelle bieten – wie die Datenbrille – eine Funktion zum Teilen von Videos im Internet. Allerdings ist „Glass“ darauf ausgelegt, via Bluetooth stets mit dem eigenen Handy – und hierüber mit dem Internet – verbunden zu sein. Auch lässt sich WLAN zum Herstellen einer Verbindung nutzen. Aufgrund der einfach einzurichtenden „Dauerverbindung“ dürfte die Hemmschwelle für das Hochladen von Videos hier niedriger liegen, als wenn man ein per Video- oder Helmkamera „bewusst“ gefilmtes Video öffentlich zugänglich macht.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die generelle Möglichkeit zur Gesichtserkennung – wenngleich Google dem Thema „Privatsphäre“ hohe Priorität einräumt und dieses Feature vorerst unterbinden möchte, entwickeln Drittanbieter bereits Apps, die das Erkennen von Prominenten, Sexualstraftätern und Mitgliedern von Singlebörsen auf offener Straße möglich machen soll. Welche Folgen das, insbesondere für die ersten beiden Personengruppen haben dürfte, kann sich jeder selbst ausmalen. Selbst wenn Google dies unterbinden möchte – man denke an die Möglichkeit, Navigationsgeräte so zu erweitern, dass sie vor Radarfallen warnen, die auf dem eigenen Weg liegen – es wird vermutlich immer einen Weg geben, eine Gesichtserkennung zu installieren. Außer Google schließt sein System nach dem Vorbild von Apple und macht ausschließlich zertifizierte Apps dafür verfügbar. Und selbst dann dürfte es cleveren Hackern gelingen, diese Sperre zu umgehen.

Gesichtserkennung funktioniert inzwischen sehr zuverlässig. Ich erinnere mich daran, wie ich vor Jahren Urlaubsbilder bei einem sozialen Netzwerk eingestellt habe und mir plötzlich Vorschläge unterbreitet wurden, wer Personen im Hintergrund sein könnten und ich das bestätigen sollte. Dabei befanden sich diese Leute in weiter Ferne und wären rechtlich gesehen vermutlich als „unwesentliches Beiwerk“ durchgegangen. Nur bei der Gesichtserkennung von Statuen konnte keine passende Person gefunden werden. Hmm…

Neben dem hohen Preis von rund 1.500 USD für die Anschaffung von „Google Glass“ sowie die rechtliche Unsicherheit dürften im Augenblick noch für die geringe Verbreitung verantwortlich sein. Hierein werden auch Unsicherheiten über die allgemeine Akzeptanz einfließen – haben doch im englischsprachigen Raum „Glass“-Nutzer unfreundlicherweise bereits den Namen „Glasshole“ weg – in Anlehnung an ein unflätiges Schimpfwort.

Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Sache entwickeln wird. Aufgegeben haben soll Google seine Datenbrille jedoch noch lange nicht – derzeit soll sich eine Version mit mehr Arbeitsspeicher in der Entwicklung befinden. Auch tun sich inzwischen weitere Verwendungsmöglichkeiten auf: diskutiert wird der Einsatz bei Feuerwehrleuten, in Krankenhäusern, großen Warenlagern und ähnlichem.


Jochen Moschko

 
Jochen Moschko
SEO & QS-Manager
Jochen Moschko arbeitet in den Bereichen Suchmaschinenoptimierung und Qualitätssicherung bei der FAIRRANK GmbH.